Die Mistel - Halbschmarotzer in luftiger Höhe

Beeren der Mistel - Viscum album

Wie die Mistel auf den Baum kommt

Besonders im Spätherbst und Winter fallen die immergrünen Misteln mit ihren milchig weißen Beeren in Baumkronen von vorzugsweise Nadelhölzern und weichholzigen Laubbäumen auf. Allerdings nicht alle Mistel tragen die Beeren. Denn Misteln sind zweihäusig. Es gibt also männliche und weibliche Pflanzen. Vögel lieben die weißen Beeren der weiblichen Pflanzen und verbreiten mit ihren Ausscheidungen die Samen. Misteln sind Halbschmarozer, brauchen also eine Wirt, der sie mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Keimt ein auf einem Baum gelandeter Same, bildet sich zuerst eine Haftscheibe (Haustorium). Nach mehreren Monaten wachsen die so genannten Senker in den Baum hinein, stimmen im Inneren des Stamms die Baumzellen um, die den Senker fortsetzen und eine Verbindung der Mistel zum Leitsystem (quasi dem Ernährungssystem des Baums) zulassen. Die so fest verankerte Mistel kann sich vom Baum ernähren und zu einem Busch von über einem Meter Durchmesser wachsen. Die Anzahl der Verzweigungen verrät das Alter der Mistel: Jede Abzweigung steht für ein Jahr Wachstum.

Wichtige Inhaltsstoffe der Mistel: Viscotoxin und Mistellektin

Pflanzen entwickeln sich in Polaritäten wie Licht und Dunkel, Leichte und Schwere, Bewegung und Ruhe. Der grüne, nach oben strebende Spross zeigt seine Beziehung zu Licht, Leichte und Bewegung. Die Wurzel dagegen wendet sich dem Dunklen, Schweren, der Ruhe zu. Der Mistel scheinen diese Polaritäten zu fehlen, da sie weder einen nach oben strebenden Spross noch eine ins Erdreich wachsende Wurzel besitzt. Kugelig, in Blatt und Krone wenig differenziert, ständig grün und wenig verholzt, geradezu embryonal scheint ihr Wachstum gehemmt, in sich zu verharren. Vielleicht deshalb nannte Goethe die Mistel das Kind unter den Pflanzen. Doch auch die Mistel lebt in Polaritäten, die bei ihr im Innern wirken in Form ihrer Inhaltsstoffe Viscotoxin und Mistellektin:

  • Viscotoxine wirken schnell, lösen Zellmembranen auf und helfen der Mistel, sich auszudehnen, zu wachsen. Der aufstrebende Sprossbildungsprozess wird hier offenbar.
  • Mistellektin dagegen wirkt langsam, dringt ins Innere des Zellstoffwechsels vor und hemmt diesen. Der Wurzelbildungssprozess, das Zur-Ruhe-Kommen zeigt sich hier.

Auch in den Pflanzenteilen spiegeln sich diese Polaritäten wider. Das lichte Viscotoxin ist vermehrt in Blatt und Stängel, das dunkle Mistellektin vermehrt in den Beeren zu finden, die sich nur im Winter ausbilden. Die Mistel wird für Präparate zur Krebstherapie deshalb zweimal im Jahr geerntet: einmal im Juni und einmal im Dezember. Die aus den beiden Mistelernten gewonnenen Säfte haben unterschiedliche Viscotoxin- und Mistellektinanteile und werden unterschiedlich weiterverarbeitet, wobei jeweils die gegenteilige Polarität verstärkt wird: Der Wintersaft wird aus dem Zentrum in die Leichte geschleudert, den Sommersaft lässt man tropfenweise in die Schwere, in das Zentrum des Wintersaftwirbels fallen. Beide Säfte gemischt ergeben ein Arzneimittel, das dem Patienten hilft, innere Ungleichgewichte wieder zu ordnen und so wieder eine Kraft aus der eigenen Mitte heraus zu gewinnen.

Mistelgenom birgt Erstaunliches

Erst im Jahr 2021 gelang es Wissenschaftlern, die Erbinformation der Mistel zu dechiffrieren (Schröder et al. 2022). Das Erstaunliche: Das Genom ist 30-mal größer als das des Menschen. Zudem fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Mistel-DNA im Vergleich zu anderen Pflanzen besonders stabil ist. Möglicherweise liegt in dieser Stabilisierung des Genoms eines der Geheimnisse der Mistel.

Die Mistel atmet anders

Die Mistel ist in vielen Dingen anders als andere Pflanzen. So zum Beispiel auch bei ihrer Energiegewinnung. In der Natur ist die quasi Energiewährung das Adenosintriphosphat, abgekürzt ATP. Dieses Molekül mit einer energiereichen Phosphatbindung kommt dann zum Einsatz, wenn die Zelle Energie für Synthesen braucht oder für die Funktion einer Muskelzelle. ATP wir dabei zu ADP, Adenosindiphosphat abgebaut. Durch die Abtrennung eines Phosphat-Moleküls wird Energie freigesetzt. Die quasi verbrauchten ADP-Moleküle werden wieder zu ATP aufgebaut. Dem ADP wird also wieder ein Phosphat angehängt. In der Phosphatbindung ist wieder Energie für den nächsten Zellprozess gespeichert.

Die Energie für die Produktion von ATP stammt aus der Zellatmung. Sie findet in den so genannten Mitochondrien statt, komplexe Strukturen mit zwei Membranen und eigener Erbsubstanz, die in allen Zellen höherer Lebewesen wie Pilzen, Pflanzen und Tieren vorkommen. Während dieser Zellatmung baut das Mitochondrium zum Beispiel Fettsäuren ab und nutzt die daraus gewonnen Energie, um Wasserstoffionen (Protonen) zwischen seinen Membranen anzureichern. Diesen energiereiche Protonengradient nutzt das Mitochondrium wiederum, um ADP-Moleküle wieder zu ATP umzuwandeln, zu phosphorylieren, wie es chemisch heißt.

An dieser Atmungskette beteiligt sind vier äußerst große Proteinstrukturen, die in die Mitochondrienmembranen eingelagert sind. Sie werden als Komplex I bis IV bezeichnet. Das Enzym, das ADP in den Mitochondrien zu ATP umwandelt, ist als Komplex V bekannt.

So ist die normale Atmungskette aufgebaut. Nicht aber bei der Mistel, wie eine Forschungsgruppe an der Universität Hannover herausfand (Senkler et al. 2018). In den Mitochondrien der Mistel fehlt der Komplex I, während die Mengen an Komplex II und V stark reduziert sind. Dennoch schaffen es die Mitochondrien der Mistel, energiereiche ATP-Moleküle zu synthetisieren. Die verbleibenden komplexen Proteine der Atmungskette kompensieren das fehlende Protein. Letztendlich produziert die Mistel dennoch weniger ATP als eine Pflanze mit normal aufgebauter Atmungskette (Maclean et al. 2018). Als Halbschmarotzer kann sie sich allerdings diese weniger effektive Zellatmung leisten.

Lange medizinische Geschichte der Mistel

Bis in das fünfte vorchristliche Jahrhundert lässt sich die medizinische Verwendung der Mistel zurückverfolgen. Plinius der Ältere (23-79) berichtete im ersten Jahrhundert nach Christus vom Einsatz der Mistel gegen Fallsucht und Schwindelanfälle. Dieses Wissen wurde vom deutschen Botaniker Hieronymus Bock (1498-1554) sowie dem italienischen Arzt Pietro Andrea Gregorio Matthiolus (1501-1577) weitertradiert und ergänzt durch die Anwendung von Mistelsalbe bei Geschwüren und eitrigen Wunden. Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) stillte mit der Mistel Blutflüsse und behandelte Störungen im Blutumlauf. Die Wirksamkeit der Misteltherapie in der Krebstherapie erkannte Dr. Rudolf Steiner (1861-1925) Anfang des 20. Jahrhunderts.

In der klassischen Heilpflanzenkunde unterstützt die Mistel heute die Therapie gegen Bluthochdruck und Arthrosen. Zusammen mit Weißdorn stärkt sie das müde, geschwächte Herz. Auch bei Schwindelanfällen, epileptischen Zuständen findet sie ihre Verwendung.

Misteln von den Göttern gesät

Die Mistel galt in vielen Kulturen als heilig. So hoch im Baum wachsende Pflanzen mussten von den Göttern gesät sein. Sie zu besitzen, verlieh die Kraft, Schmerzen zu lindern, Kranke zu heilen und Schätze aufzuspüren. Die Mistel erfüllte alle Wünsche. In alten Darstellungen sind Mistelzweige in der Hand von Göttern, Medizinmännern, Priestern, Feldherren und Königen zu finden. Druiden schnitten sie mit goldenen Sicheln. Die geschnittene Mistel durfte nicht den Boden berühren.

Literatur zur Mistel

Maclean AE, et al. Absence of Complex I Is Associated with Diminished Respiratory Chain Function in European Mistletoe. Current Biology 2018; 28: 1614-1619.

Schröder L, et al. The gene space of European mistletoe (Viscum album). The Plant Journal 2022; 109(1): 278-294.

Senkler J, et al. Absence of Complex I Implicates Rearrangement of the Respiratory Chain in European Mistletoe. Current Biology 2018; 28: 1606-1613.

Szurpnicka A, Kowalczuk A, Szterk A. Biological activity of mistletoe: in vitro and in vivo studies and mechanisms of action. Archives of Pharmacal Research 2020; 43: 593-629.