Viel in einem - Heilpflanzen

Was macht eine Pflanze zur Heilpflanze?

Es gibt zwei Ansätze, eine Heilpflanze als solche zu erkennen. Der heute weit verbreitete Weg ist der analytische: Heilpflanzen oder medizinisch treffender Arzneipflanzen zeichnen sich durch besondere Inhaltsstoffe aus, die eine gesundende Wirkung auf den menschlichen oder tierischen Organismus haben. Viele dieser Inhaltsstoffe zählt der Wissenschaftler zu den sekundären Pflanzenstoffen, da sie nicht zu den für den Aufbau der Pflanze essentiellen Substanzen wie Proteine, Fette und Zucker gehören. Die sekundären Pflanzenstoffe nehmen in der Pflanze dennoch wichtige Funktionen ein, zum Beispiel als Schutz vor Fressfeinden, Krankheitserregern oder UV-Strahlung. Zu den sekundären Pflanzenstoffen in einer Heilpflanze gehören unter anderem Flavonoide, Gerbstoffe, Alkaloide, Glykoside, Aldehyde, Terpene und Phenole.

Es gibt daneben den Weg, eine Heilpflanze aus der Betrachtung heraus zu erkennen, in der Signatur der Pflanze zu lesen. Diese traditionelle Methode der Signaturenlehre nutzten die Menschen früher, die Laboranalysen nicht kannten. Sie nahmen die Pflanze auf mehreren Sinnesebenen wahr. Sie betrachteten ihre Formen, rochen an ihr, analysierten ihren Geschmack, befühlten sie, fanden die Besonderheiten in ihrem Wuchs, in ihrem Verhalten. Blüht eine Pflanze im Winter oder zieht sich die Pflanze bereits im Sommer komplett zurück in ihren Wurzelstock, sind das Indizien für eine außergewöhnliche Fähigkeit. Wie reagiert die Pflanze mit ihrer Wuchsform auf Umwelteinflüsse? Wie widersteht sie damit äußeren Einwirkungen? Und wie ist sie dadurch Vorbild für den Menschen im Umgang mit Krankheit?

Die Synthese aus Inhaltsstoffanalyse und Studium der Signatur mag der Weg sein, der in die Zukunft führt. Oft bestätigen die Analysen der sekundären Pflanzenstoffe die Wirkung, die einer Heilpflanze allein aus der Betrachtung der Signatur zugesprochen wurde. So ergänzt das Muster der sekundären Pflanzenstoffe die Signatur der Heilpflanze.

Wie viele Heilpflanzen gibt es?

Heute sind weltweit etwa 50.000 Heilpflanzen bekannt. Da viele von ihnen in Wildsammlungen geerntet werden, ist der Bestand von 15.000 Heilpflanzen gefährdet.

Sekundäre Pflanzenstoffe als Abwehr- und Kommunikationsmittel der Heilpflanze

Das Gemisch sekundärer Pflanzenstoffe, das eine Pflanze zur Heilpflanze für Mensch und Tier werden lässt, übernimmt auch in der Pflanze wichtige Aufgaben. Pflanzen schützen sich mithilfe dieser Substanzen vor diversen Fressfeinden, zum Beispiel vor Insekten, Bakterien, Pilzen oder Viren. Sie halten damit aber auch konkurrierende Nachbarpflanzen auf Abstand oder schützen sich vor zellschädigender UV-Strahlung. Die UV-schützende Wirkung können wir häufig an einer rötlichen Blatt- oder Fruchtfärbung erkennen. So bekommen Äpfel im Sonnenlicht rote Bäckchen, Brombeeren färben sich bis zur Reife tief rot bis violett. Sekundäre Pflanzenstoffe sind zudem Basis der pflanzlichen Kommunikation. Als Duftstoffe ziehen sie Bestäuber an. Als Farbstoffe, die Blüten, Früchte oder Samen auffällig einfärben, sorgen sie für den Fortbestand und die Verbreitung der Art. Über die Wurzel ausgeschiedene Pflanzenstoffe sind Nachrichten an Nachbarpflanzen.

Für diese Vielzahl an Aufgaben haben die Pflanzen eine Vielfalt an Inhaltsstoffen entwickelt, die als Gemisch hochkomplexe Aufgaben übernehmen. Diese Vielstoffgemische, die die Pflanzen an ihrem festen Standort widerstandsfähiger machen, bieten uns Menschen eine bis heute unüberschaubare Bandbreite an biologisch wirksamen Inhaltsstoffen.

Welche Wirkung haben die sekundären Pflanzenstoffe der Heilpflanze auf den Menschen oder Tiere?

  • Antioxidative Wirkung: Viele Heilpflanzen enthalten Antioxidantien, die freie Radikale neutralisieren und so das Risiko von Zellschäden und Krankheiten reduzieren können. Die Große Brennnessel (Urtica dioica) ist ein Beispiel.
  • Entzündungshemmende Wirkung: Einige Heilpflanzen enthalten Verbindungen, die entzündliche Prozesse im Körper hemmen können. Die Ringelblume (Calendula officinalis) gehört dazu.
  • Antimikrobielle Effekte: Viele Pflanzenstoffe der Heilpflanzen besitzen die Fähigkeit, das Wachstum oder die Verbreitung von Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilzen zu hemmen. Die Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) wirkt gegen Viren, Bakterien und Sprosspilze.
  • Schmerzlinderung: Einige Heilpflanzen enthalten Inhaltsstoffe, die auf das Nervensystem wirken und Schmerzen lindern können. Der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) ist ein Vertreter.
  • Stimulation des Immunsystems: Manche sekundären Pflanzenstoffe können die Abwehrkräfte des Körpers stärken und so Erkrankungen vorbeugen oder entgegenwirken. Ein bekanntes Beispiel ist der Rote Sonnenhut (Echinacea pallida).
  • Hormonelle Effekte: Einige Heilpflanzen enthalten Substanzen, die hormonähnlich wirken oder die Hormonproduktion im Körper beeinflussen können. Ein Beispiel ist der Rotklee (Trifolium pratense), der mit seinen Phytoöstrogenen Frauen in den Wechseljahren hilft.
  • Entspannende oder anregende Wirkung: Bestimmte Heilpflanzenauszüge können krampflösend und muskelentspannend sein. Sie können zudem Stress und Nervosität lindern. Lavendel (Lavandula angustifolia) besitzt diese Fähigkeiten.

Die Mischung macht's: sekundäre Pflanzenstoffe ergänzen sich

Wenn ein Chemiker versucht, aus einer Heilpflanze DIE wirksame Substanz zu isolieren, wird er scheitern. Einzelkomponenten des Vielstoffgemisches zeigen in der Regel keine oder nur geringe Wirkung. Das liegt daran, dass die sekundären Pflanzenstoffe ihre Wirkung gegenseitig verstärken oder erst ermöglichen. Es gibt Hinweise, dass einige der Heilpflanzenextrakte so genannte Synergisten enthalten. Das sind Substanzen, die die Wirkung anderer Substanzen verstärken. Saponine sind ein Beispiel. Sie verstärken die Aufnahme polarer Wirkstoffe über die Zellmembran. Andere Substanzen hemmen die Inaktivierungsmechanismen der Zelle. Für die Wirkung der Heilpflanze ist deshalb der Extrakt der ganzen Pflanze maßgeblich.

Wie werden Heilpflanzen angewendet?

Für den Einsatz von Heilpflanzen werden entweder die komplette Pflanze oder Teile von ihr verarbeitet: zum Beispiel die Blätter, Blüten, Wurzeln oder Samen. Dabei kann die geerntete Heilpflanze frisch oder getrocknet zum Einsatz kommen. Die Zubereitungsformen aus Heilpflanzen sind vielfältig und richten sich nach Pflanze und beabsichtigtem Zweck. Einige der gängigen Methoden sind:

  • Teeaufgüsse: Der Klassiker unter den Heilpflanzenzubereitungen ist der Kräutertee, den wohl jeder schon einmal selber zubereitet hat, entweder aus frischen oder getrockneten Kräutern, die mit kochendem Wasser übergossen ziehen (Rana, 2021).
  • Tinkturen: Das sind alkoholische Heilpflanzenauszüge. Aus Pflanzenteilen, die in Alkohol eingelegt werden, lässt sich ein anderes Inhaltsstoffspektrum gewinnen als mit der wässrigen Extraktion, die beim Kräutertee zum Einsatz kommt.
  • Destillat: Aus Pflanzen lassen sich mittels zum Beispiel Wasserdampfdestillation die ätherischen Öle gewinnen, die den Duft der Heilpflanze ausmachen. Diese konzentrierten ätherischen Öle kommen meistens verdünnt und zur äußerlichen Anwendung oder Aromatherapie zum Einsatz.
  • Salben und Cremes: Heilkräuter-Extrakte lassen sich gut in Salbengrundlagen einarbeiten.
  • Tabletten oder Kapseln: Getrocknete und pulverisierte Heilpflanzen oder ihre Extrakte lassen sich zur innerlichen Einnahme in zum Beispiel Tabletten verarbeiten.
  • Bäder: Zusätze von Heilpflanzenaufgüssen oder ätherischen Ölen in das Badewasser können wohltuend oder medizinisch unterstützend wirken.
  • Kompressen: Eine einfache Möglichkeit für die Hausapotheke: Tränken Sie ein Tuch mit einem Heilpflanzenaufguss, also einem Kräutertee, das sie lokal auf die Haut auflegen.

Geschichte der Heilpflanzen

Die Geschichte der Heilpflanzen ist eng mit der Entwicklung der menschlichen Zivilisation verknüpft. Bereits in der Antike entdeckten verschiedene Kulturen weltweit die heilende Wirkung von Pflanzen. Dieses Wissen gaben sie meist mündlich von Generation zu Generation weiter, wobei es sich in jeder Kultur einzigartig entwickelt hat.

Ob bei den Ägyptern, Chinesen, Griechen oder Römern: In vielen alten Kulturen waren Heilpflanzen ein fundamentaler Bestandteil der medizinischen Praxis. Die Heilkundigen dieser Zeit hatten oft ein umfangreiches Wissen über das Sammeln, Zubereiten und Anwenden von Pflanzen für medizinische Zwecke.

In Europa etablierten sich im Mittelalter die Heilpflanzen als fester Bestandteil der medizinischen Praxis. Klöster spielten eine wichtige Rolle dabei, Heilkräutergärten anzulegen und das Kräuterwissen weiterzugeben. Im Zeitalter der Renaissance wurde das Studium der Pflanzen und ihrer medizinischen Eigenschaften und damit die Botanik zur Wissenschaft.

Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts gelang es Wissenschaftlern der organischen Chemie, mithilfe chemischer Analysen aktive Bestandteile aus Heilpflanzen zu isolieren und zu untersuchen. Sie schufen damit die Grundlage für moderne pharmazeutische Produkte. Doch trotz des Aufkommens synthetischer Medikamente blieben Heilpflanzen ein wichtiger Bestandteil der Volksmedizin. Sie erleben aktuell eine Renaissance, da das Interesse an natürlichen und ganzheitlichen Behandlungsmethoden wieder steigt (Riffel, 2021).

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Warum wir Frauen Heilpflanzen lieben

Frauen waren im Mittelalter die Heilpflanzen kennenden Heilerinnen. Ihr Wissen, das sie mündlich weitergaben, ist die Grundlage der Phytotherapie.

Im Gespräch berichtet die Apothekerin Dr. Beatrix Falch von der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, wie die Männer des Mittelalters von den Frauen lernten und warum Frauen bis heute nicht beachtete Trendsetter einer ganzheitlichen Medizin sind. Mit dem von ihr mitbegründeten Phyto-Gyni-Netzwerk Herbadonna dokumentiert sie das Erfahrungswissen der heutigen Frauen. Ein Wissen, das zum Beispiel hilft, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren.

Literatur zu Heilpflanzen

Balkrishna A, Arya V, Sharma IP. Anti-Cancer and Anti-Inflammatory Potential of Furanocoumarins from Ammi majus L. Anticancer Agents Med Chem. 2022; 22(6):1030-1036.

Rana A, Rana S, Kumar S. Phytotherapy with active tea constituents: a review. Environ Chem Lett 2021; 19: 2031–2041.

Riffel A. Heilpflanzen der Traditionellen Europäischen Medizin: Wirkung und Anwendung nach häufigen Indikationen. Mariazell: Springer 2021.
Johannes Wilkens, Gert Böhm
Misteln - Kraftvolle Krebsheiler aus der Natur
Vorbeugen, lindern, heilen
13 Mistelarten in ihrer Verbindung von Baum zu Mensch
Aarau: AT Verlag; 2. Auflage 2022.
240 Seiten, gebunden
28,00 €
ISBN: 978-3-03800-891-0
Die Publikation wurde von der Stiftung für Integrative Medizin & Pharmazie unterstützt.

Johannes Wilkens, Frank Meyer, Ruth Mandera
Arnika – Königin der Heilpflanzen
Die Arnika als Heilpflanze in Homöopathie, Phytotherapie und anthroposophischer Medizin
Ein Buch über die beliebteste Heilpflanze in Homöopathie, Phytotherapie und anthroposophischer Medizin.
Drei ausgewiesene Fachleute erläutern in diesem Buch die Botanik der Arnika und ihr Vorkommen in den Bergen und im Wald.
Salben, Tropfen, Globuli mit Arnika bei: Zerrungen, Schlaganfall, Herzkrankheiten, Muskelerkrankungen sowie in der Notfallmedizin.
Aarau: AT Verlag; 2018.
224 Seiten, gebunden
29,00 €
ISBN: 978-3-03800-081-5
Die Publikation wurde von der Stiftung für Integrative Medizin & Pharmazie unterstützt.

Wink M. Die Verwendung pflanzlicher Vielstoffgemische in der Phytotherapie. Zeitschrift für Phytotherapie 2005; 26: 271-274.

Wink M. Wie funktionieren Phytopharmaka? Zeitschrift für Phytotherapie 2005; 26:262-270.

Wink M. Von Pfeilgift bis zum Rauschmittel: Sekundärstoffe - die Geheimwaffen der Pflanzen. Biologie in unserer Zeit 2015; 45:225-235.

Wink M. Wirkungen von in der Phytotherapie eingesetzten Vielkomponenten-Gemischen auf Proteine, Gene und Biomembranen. Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin 2006; 21 (1): 42–53.